Das Mann-Frau-Stadt-Land-Gefälle

Ländliche Gegenden haben das, was Karriereberater gemeinhin als klassisches Frauenproblem bezeichnen: Sie machen sich selbst schlecht, relativieren ständig ihre Kompetenzen und wundern sich dann, dass sie keine Karriere machen. Und wir als Landeier tun unser Übriges – das fängt schon damit an, dass wir uns selbst so nennen. Weiterlesen

Spätsommerabend

Spätsommerabend auf dem Balkon. Nächtliches Autorauschen von der B 239. Ab und zu aufflammendes Gelächter von einer Grillparty. Ein Reh läuft übers Feld und verschwindet im Mais. Die Grillen zirpen nervös um die Wette. Der Sommer ist bald vorbei. Sie müssen noch was erledigen. Blick in den Himmel. Die Wolken haben sich zu Krokodilen geformt. Ich schließe die Augen.
Von weit weg meine ich einen Bienenschwarm zu hören. Nein, ein Rennen zwischen zwei Mofa fahrenden Halbstarken. Nix von beiden. Das Bienenschwarmmofa ist mal lauter, mal leiser, klingt näher und ferner. Ein roter Punkt bewegt sich am Himmel. Das Bienenschwarmmofa ist eine Drohne. Sie nervt. Ist doch dahinten in der Siedlung, aber zu laut. Sie fliegt hin und her. Dann verstummt sie. Die Grillen wollen’s noch mal wissen. Was, wenn sie in diesem Sommer etwas verpasst haben?
Flugzeugrauschen über mir. Die Krokodilwolken im Nachthimmel verschwunden, die ersten Sterne angeknipst. Dauerzirpen der Grillen. Den Restsommer genießen. Ich blicke in den Himmel und will mit ihm verschmelzen, mit der Natur. Jetzt nur nicht denken! Augen zu. Die Grillen machen Pause. Oder haben was erledigt. Sommer genutzt. Ich öffne die Augen, Blick in den Himmel. Sterne zählen. Und plötzlich eine Sternschnuppe. Wünsche mir was. Und habe nix verpasst.

Die Stadt ist das bessere Land? Von wegen!

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Es gibt Situationen, die ihre eigene Komik haben. Da sitze ich am Sonntagmorgen auf dem Balkon, die Morgensonne hält meinen Kaffee warm, über uns kreist ein Schwarzmilan, der von einer Bachstelze geärgert wird, Mehlschwalben fliegen im Eiltempo vorbei, auf der Wiese hoppelt ein Kaninchen, die Gänse nehmen ihr Morgenbad im Bachlauf, Hummeln und Bienen summen über unseren Köpfen, weiter hinten stehen zwei Rehe. Die Kinder haben ihre Croissants aufgegessen und gehen die Treppe runter in den Garten. Sie schaukeln im blühenden Apfelbaum und buddeln Löcher in der Erde. Ich kann mich also der Zeitung widmen. Die FAZ vom Vortag. Und dann fällt mein Blick auf die Überschrift „Die Stadt ist das bessere Land“. Klar, dass ich diesen Kommentar lese. Ich könnte mich darüber ärgern, dass der Autor behauptet, in der Stadt gäbe es mehr Artenvielfalt, weil auf dem Land alles durch Pestizide verseucht sei. Aber warum sollte ich? Sicher ist da was dran. Nur stimmt es rein gar nicht mit dem überein, was ich um mich herum wahrnehme. Dann geht es wie gewohnt um die Menschen, die ja in der Stadt achso ökologisch und bewusst einkaufen. In der „Peripherie“ hingegen natürlich viel pragmatischer. Akademiker versus dumme Landeier. DSC_0524Ich gieße mir eine selbstgemachte Waldmeisterschorle ein und blicke in den Himmel zum Schwarzmilan, der jetzt nicht mehr von der aufgebrachten Bachstelze verfolgt wird. Dann lese ich weiter. Alles schon gehört, denke ich: Mehr Bioläden in der Stadt, monotone Äcker auf dem Land. Ich blicke auf unsere blühende Obstwiese und freue mich auf die Kirschen im Juni, die Roggenäpfel im Juli, die Mirabellen im August, die Zwetschgen im September und die Äpfel im Oktober. „Wer aber Natur sucht, der bleibt am besten einfach in der Stadt“ heißt der letzte Satz des Artikels. Von mir aus gern. Dann ist es hier weiter so schön ruhig. Und wir liefern unseren Apfelsaft gerne in die Stadt!

Wenn Paris über Schlangen redet

129px-Wappen_von_Schlangen.svgVor ein paar Wochen bat mich der Heimat- und Verkehrsverein Schlangen, „einen Text mit grundsätzlichen Gedanken zum Thema Heimat“ zu schreiben. Das Ergebnis passt irgendwie zu den Landnotizen. Und Ihr erfahrt, was Heimat mit Fußball, Schatztruhen und Aussprache zu tun hat. Voilà:

Neulich telefonierte ich mit einem guten Freund, der seit 40 Jahren in Paris lebt. Ich erzählte ihm, dass ich nach Schlangen fahren wolle. „Ach, nach Schlangen?“ sagte er. „An den Ort werde ich mich immer erinnern. Gegen die haben wir früher Fußball gespielt. Und immer gewonnen.“ Ich wunderte mich, dass er sich an all unsere kleinen lippischen Orte erinnert, obwohl er, aufgewachsen in Pivitsheide V.H., schnell die weite Welt suchte und bis heute als Reporter den ganzen Globus bereist. Der Weltreporter, in dem Erinnerungen lebendig werden, wenn eine Freundin ihn an das Städtchen Schlangen am Fuße des Teutoburger Waldes erinnert. Weiterlesen

Danke, liebe Krötenfrau!

Morgens kämpfe ich an breiter Front. Gegen meine eigene Müdigkeit, meine widerspenstigen Haare und den Wecker. Und dann sind da noch die beiden Mädchen, die sich demonstrativ die Bettdecken über den Kopf ziehen und sich schlafend stellen, wenn mein Mann die Rollläden hochlässt. Sich selbst anzuziehen finden Mathilda (6) und Lotta (4) morgens viel zu schwer, und bis sie sich für das richtige Outfit entschieden haben, vergeht eine gefühlte Viertelstunde. Die Wahl der Kleidung ist bei Emil (2) einfacher, dafür muss er oft zweimal angezogen werden, wenn er in einem unbeobachteten Moment das Badezimmer in eine Hochwasserlandschaft verwandelt hat. Pünktlich in Schule, Kindergarten und schließlich im Büro zu sein, ist für meinen Mann und mich eine tägliche Herausforderung.

Jedes Jahr Anfang März wird der morgendliche Kampf gegen die Uhr ein bisschen einfacher. Den Naturschützern sei Dank! Sie bauen um diese Zeit einen 50 Zentimeter hohen Folienzaun auf, der sich die Straße hochschlängelt, die uns zum Kindergarten führt. „Der Krötenzaun ist wieder da“, rief Lotta vergangene Woche, denn sie hatte das dunkelgrüne Gebilde am Straßenrand zuerst entdeckt. „Das ist ja super“, sagte ich. „Dann beeilen wir uns morgen früh. Vielleicht sehen wir ja wieder die Krötenfrau und ihr dürft eine Kröte streicheln.“ Die Masche zieht. Denn Lotta erinnert sich noch gut an ihre Krötenbegegnung im vergangenen Frühling und hofft auch dieses Jahr, die „Krötenfrau“ zu treffen. So nennen wir die ehrenamtliche Helferin vom BUND.

„Denk an die Krötenfrau“ ist nun morgens der Zaubersatz. Damit schaffen wir es, satte zehn Minuten eher von zu Hause loszufahren, in der Hoffnung, einen Blick auf die Kröten zu erhaschen. Im vergangenen Jahr hatten wir an einem Tag Ende März Glück: Schon von Weitem leuchtete uns die neongelbe Weste der „Krötenfrau“ entgegen. Die heißt in Wirklichkeit Michaela Krause und sammelt im Wechsel mit zwei anderen ehrenamtlichen Helfern morgens vor der Arbeit die Kröten in einem Eimer und trägt sie über die Straße zu ihren Laichplätzen. Mathilda und Lotta durften ein Weibchen streicheln. „Fühlt sich kalt an, aber weich“, sagte Lotta. Im Eimer saß noch eine weitere Kröte, die schon den passenden Partner auf dem Rücken sitzen hatte. Zufrieden mit diesem frühmorgendlichen Naturerlebnis stiegen die Kinder wieder ins Auto.

Also: Naturerlebnis als Weckhilfe funktioniert. Nur Ende April müssen mein Mann und ich uns morgens wieder etwas einfallen lassen: Dann wird der Krötenzaun abgebaut. Aber vielleicht gibt es ja für die anderen Monate des Jahres Alternativen? Gibt es nicht einen Schäfer in der Nähe, der jeden Morgen im Sommer seine Herde über die Straße treiben könnte? So um viertel vor acht? Meine Kinder würden dafür sicher eher aufstehen. Und sogar mithelfen. Oder könnte jemand eine seltene Regenwurmart entdecken, die nur im Herbst auftaucht und irgendwie menschliche Hilfe benötigt? Wir sind da ganz flexibel. Hauptsache, das Aufstehen klappt!

 

Flüchtlingskrise: Vom Versuch, zu helfen – und warum ein Bauernhof dafür der ideale Ort war und ist

Auf dem Hof meiner Urgroßeltern bei Detmold sind nach dem Zweiten Weltkrieg viele Flüchtlinge untergekommen.

Auf dem Hof meiner Urgroßeltern bei Detmold sind nach dem Zweiten Weltkrieg viele Flüchtlinge untergekommen.

Jeden Tag ist die Flüchtlingskrise Thema in den Nachrichten. Und jeden Tag reifte unser Entschluss: Wir wollen helfen. Irgendwie. Raus aus der Tatenlosigkeit. Wir, das sind mein Mann und ich, beide berufstätig, drei kleine Kinder, viel Arbeit rund um den größtenteils verpachteten Resthof. „Früher war das auf den Höfen doch auch üblich“ – dieser Gedanke kommt uns immer wieder. Ich erinnere mich an die Erzählungen meiner Großmutter. Sie hatte uns oft von den Flüchtlingsströmen nach dem Zweiten Weltkrieg erzählt. Davon, wie auf dem Hof ihrer Eltern in Niewald bei Detmold jede noch so kleine Abstellkammer zum Schlafplatz umgewandelt wurde. Und wie ihre Mutter Teile der Aussteuer, die sie mühsam für ihre vier Töchter angespart hatte, an wildfremde Menschen verschenkte. Aus Mitgefühl. Weiterlesen

Dinge, die die „Landlust“ verschweigt (1): Fuchs, du hast die Gans gestohlen

Liebe Landnotizen-Leser, lieber Olli,

Foto: Martin Mecnarowski

Foto: Martin Mecnarowski

Du hast Dir nach meinem facebook-Post über die tote Gans eine Landnotiz dazu gewünscht. Okay, Du bekommst sie. Schließlich wollen wir beide, dass auch über das wahre Landleben geschrieben wird. Du weißt, welches ich meine, oder? Genau: Das, in dem durch unsere idyllischen Wohnorte in der Provinz riesige Hightech-Landmaschinen brettern und der Nostalgie-Trecker aus den Fünfzigern nur zu Sonntagsfahrten genutzt wird. Das, in dem wir und unsere Kinder praktische Funktionskleidung anstelle von Dirndl und Lederhose tragen. Das, in dem sich Nachbarn über Biogasanlagen und Windräder streiten. Und das Landleben, aus dem heraus wir täglich zur Büroarbeit in die großen Städte pendeln. Also kurz: Das Landleben, das auf den Fotos der Hochglanzmagazine nicht vorkommt.

Ja, dieses Poster mit dem niedlichen kleinen Fuchs aus der Landeltern-Zeitschrift, das wir unseren Kindern übers Bett hängen könnten, zeigt nur die halbe Wahrheit. Daneben könnte genauso gut ein Poster von unserer Gans ohne Kopf hängen. Oder der Kopf der Gans im Maul des Fuchses. So hätten wir auch gleich den Kausalzusammenhang hergestellt. Und das ist jetzt überhaupt nichts gegen Füchse. Im Gegenteil: Ich finde ihre Klugheit bewundernswert. Welches Tier richtet sich schon beim Jagen nach der Zeitschaltuhr der Hühnerklappe unseres Nachbarn? Und erwischt dann gleich jeden Tag ein Huhn? Solange, bis der Nachbar den Auslauf der Hühner komplett eingezäunt und sich eine Handvoll neuer Federtiere gekauft hat. Ja, natürlich finden wir Landeier den Geflügelverlust ärgerlich. Aber wir nehmen die Sache eher sportlich. So wie beim HABA-Spiel „Gänsemarsch“, bei dem eben manchmal auch der Fuchs gewinnt.

Fressen und gefressen werden, das wissen unsere Kinder längst, gehört hier dazu. Man liebt es oder man hasst es. Aber solange meine Tochter sagt „Mama, schade, dass ich zum Voltigieren muss, Hühnerschlachten macht so viel Spaß!“ scheint sie mit der Brutalität des wahren Landlebens wohl recht gut klarzukommen.

Landflucht, Stadtsucht: ein Geständnis

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Foto: Thomas Wolf, http://www.foto-tw.de

Wenn ich das Landleben nicht mögen würde, das wisst ihr, hieße dieser Blog nicht Landnotizen und ich würde mir ein anderes Thema suchen. Trotzdem muss ich gestehen: Manchmal überkommt es mich. Dann sehne ich mich nach der schnuckeligen Buchhandlung im Münchener Glockenbachviertel, dem kleinen Programmkino schräg gegenüber, dem wunderbaren Schokoladenladen, in dem ich mir ab und zu sündhaft teure, aber verflucht gute Pralinen gekauft habe. Oder nach den asiatischen Restaurants in Prenzlauer Berg, in denen das Essen auch mit einem Praktikantengehalt bezahlbar war. Weiterlesen

Michael Stührenberg im Interview

Michael Stührenberg in Pakistan. Foto: Pascal Maitre

Michael Stührenberg in Pakistan. Foto: Pascal Maitre

Mein Interview mit GEO-Reporter Michael Stührenberg für das hier wech-Magazin ist nicht nur interessant, wenn man am Wochenende zu der Lesung in Detmold möchte. Michael erzählt darin nämlich auch von seiner Liebe zu Dörfern und Landmenschen. Schaut mal rein:

http://www.hierwech-magazin.de/unser-wochenendtipp-einem-weltenbummler-lauschen/